1911 Sayville, USA, New York- Long Island

Durch meine Recherchen zu frühen Empfängern, die zu Kontakten mit amerikanischen Radiofreunden führten, kann ich recht viel über Sayville berichten.
Sayville war eine amerikanische Funkstation an der Ostküste, gelegen auf der "Langen Insel" Long Island, die zu New York gehört, die Station wurde aber komplett von der deutschen Telefunken- Gesellschaft gebaut. Sie wurde als direkte Gegenstation zur Großfunkstelle Nauen konzipiert. Meines Wissens wurde die Empfangsanlage vom Funkpionier Jonathan Zenneck, Verfasser vieler Fachbücher, eingerichtet.




Achtung ! Es gibt im rot markierten Text die Angabe der Wellenlänge 1800 m = 166 kHz, was man als Betriebswellenlänge/ Betriebsfrequenz des Senders interpretieren würde, und die "natürliche Wellenlänge der Antenne" mit dem genau gleichen Wert.
Ab 1913 ermöglichte die Anlage mit ihren enormen Antennenmasten und moderner Löschfunken- und Maschinensender- Hochfrequenztechnik eine direkte, dauerhafte Funkverbindung über rund 6.000 Kilometer zwischen Deutschland und den USA, es wurden etliche Entfernungsrekorde aufgestellt. Zu Beginn (1911) war ein 35 kW Löschfunkensender (System Wien) im Einsatz. Dieser erzeugte eine Folge von Wellenzügen, die als Ton hörbar waren, und sich viel besser von atmosphärischen Störungen abhoen.
Für die enorme Distanz bis nach Deutschland reichte die HF- Leistung tagsüber jedoch meist nicht aus.
Darum installierte Telefunken einen 100 kW- Maschinensender nach dem System von Georg Graf von Arco, der Generator erzeugte ungedämpfte Wellen. Da die Generatoren damals technisch noch nicht schnell genug für die benötigten Funkfrequenzen rotieren konnten, wurde die Frequenz mittels spezieller Transformatoren (durch magnetische Sättigung in Eisenkernen) verdoppelt oder verdreifacht.
Wegen des Verdachts, geheime und codierte Befehle an deutsche U-Boote im Atlantik zu übermitteln, wurde die Station ab 1915 von der US-Marine überwacht, und da angeblich die Aktivitäten der Station zum Abschuß und der Versenkung des Schiffs "Lusitania" geführt haben sollen, wurde Sayville mit dem Kriegseintritt der USA 1917 von der US NAvy komplett übernommen.
Der deutsche Physik-Nobelpreisträger Karl Ferdinand Braun, der 1914 wegen eines Patentstreits um die Station nach New York gereist war, durfte wegen des Kriegsausbruchs nicht mehr ausreisen und verstarb dort 1918.
Auch J. Zenneck, der schon die Übernahme der Station in den Jahren vor dem Krieg, aufgrund von Patentprozessen der konkurrierenden Marconi- Gesellschaft, aufgrund seines hohen Fachwissens verhindern konnte, wurde wegen seinen Funktionen als deutscher Offizier als „feindlicher Ausländer“ verhaftet und interniert. Erst im Juli 1919 konnte er nach Deutschland zurückkehren.
Heute befindet sich auf dem ehemaligen Gelände in West Sayville unter anderem ein Sportplatz (Baymen Soccer Field), und es gibt sogar Enthusiasten, die sich mit der Geschichte der Funkstation Sayville beschäftigen.
Durch Kontakte zu diesen Radiofreunden bekam ich auch Fotos, welche die Empfangsanlage zeigen.
Die Empfangsanlage bestand aus Geräten, die man im Telefunken- Katalog von 1919 auffinden kann- Detektorempfänger des Typs "E5" in Ein- und Zweikreis- Version, und für den Interkontinentalfunk auf Längstwelle einem riesigen Empfänger- Aufbau aus Komponenten, einige dieser Komponenten wurden später zum Großstationsempfänger "E207" in einem Gehäuse vereinigt, der aber immer noch riesig war.
Die Empfangsgeräte waren jedoch nur Abstimmgeräte mit eigenem Kristalldetektor ("E5") oder Anschlüssen (der VLF- Aufbau), beide wurden mit mechanischen Detektoren ("Uhrwerksschleifer"), Überlagerern (zum Hörbarmachen tonloser HF- Signale), Audionstufen, HF- und NF- Verstärkerstufen, verstärkenden Audiofiltern auf mechanischer Basis ("Tone intensifier"), Telegraphenschreibern, Antennenumschaltern, Kopfhörern, Trichterlautsprechern, und vielen anderen Komponenten komplettiert.
Die Geräte und die wegen Blitzgefahren hochspannungsichere Ausführung der Antennenzuleitungen waren allesamt sehr groß bis riesig- das ergab einen beachtlichen "Klempnerladen" aus Geräten, die eher nach einem Maschinenraum aussahen, und mit späteren Funkempfängern, wie man sie noch heute kennt, nicht zu vergleichen sind.
Die Erfolge der Funkverbindungen und die Rekorde sprechen jedoch für sich- die Geräte waren hoch leistungsfähig, sie können mit späterem Equipment bis heute durchaus mithalten.
Die Ausstattung
Hier erhielt ich Fotos von amerikanischen Radiofreunden (Vielen Dank an C. Kretz von der "Long Island Radio & Television Historical Society" für die Genehmigung der Veröffentlichung), die Bilder erlauben anhand des Telefunken- Katalogs 1919 (archive.org) die Zuordnung der Typenbezeichnungen zu den Geräten.
Bilder Ausstattung und Analyse- Bilder
Ich habe die Ausstattung nach Telefunken- Katalogbildern und Texthinweisen rekonstruiert, da die Katalog- Geräte die Ausführungen von 1918/ 1919 zeigen, können es Vorläufer- Geräte mit andere Bezeichnungen sein. Auch sind andere Kombinationen möglich- anstelle eines Rückkopplungsaudions mit anschließendem Verstärker kann auch ein Kristalldetektor mit anschließendem Verstärker in Betrieb gewesen sein- um trotzdem tonlose Telegraphie zu empfängen, wäre dann anstelle des Audions ein Überlagerer zu plazieren gewesen.
Die folgenden Bilder sind zum Teil englsch beschriftet, da ich diese den Radiofreunden in USA zusandte.

Der Funkraum mit Besatzung

Geräte- Zuordnung in gelber Schrift von mir. Die Geräte im Bild sind für die Mittel- bis Langwellen gedacht.

Der Längstwellenempfänger.

Das unscharfe Foto des Längstwellen- Empfängers rekonstruiert.
Auf der linken Seite ist eine Bedienfeldplatte für die Sekundärkreis- Abstimmung, mit Grob- und Feinabstimmskale, darüber Wahlschalter für den Primärkreis und 2 wählbare Kristalldetektoren.
In der Mitte hinten befindet sich der Primär- Abstimmkondensator mit der Skale nach oben, davor Audion- und Verstärkerstufe, ganz vorn Isolatoren für die Antennen- Zuleitungen.
Rechts dann die riesigen Spulen, vorn Primärkreis, hinten Sekundärkreis.
Analyse des Komponenten- Empfängers- eIn Komponenten- Gerät auf einem Tisch.
Gesamtvolumen über einem halben Kubikmeter !
Im 1919er Katalog gibt es die passiven Komponenten in EINEM Gehäuse vereint ("Großstationsempfänger "E207"), der zwar riesig (fast ein halber Kubikmeter !) und enorm schwer (130 kg) war, aber eigentlich nur ein Abstimmgerät ("Tuner") beinhaltete, die aktiven Komponenten Audion/ Verstärker/ Überlagerer und Meßequipment waren immer noch eigenständige Geräte in eigennen Gehäusen, welche nebem dem Abstimmgerät zu plazieren waren.
Funkerraum- die Wandverkleidung verrät, daß die der Längstwellenempfänger im selben Raum befand, vermutlich rechterhand der Langwellen- Empfänger
Analyse des Funkerraums
Analyse des Längstwellen- Arbeitsplatzes
Der "Tone Intensifier"
So mancher Leser wird sich fragen, was das wohl war.
Ich habe es recherchiert: Ganz einfach- es waren aufeinanderfolgende Kopfhörer- Systeme, die auf Mikrophone gerichtet waren, die Hintereinanderschaltung bewirkte eine Verstärkung. EIn Resonanzraum sorgte für die Anhebung der Frequenz der Morsezeichen, etwa 800- 1000 Hz.
Dies ist also ein mechanischer Verstärker, keine einzige Röhre ist tätig.

Bild: "Jahrbuch der drahtlosen Telegraphie und Telephonie" 1912 /05 und Zenneck/ Rukop, "Lehrbuch drahtlose Telegraphie", 1925, archive.org
Ein rein mechanisches Gerät- keine aktive Elektronik, die Funktion erschließt sich aus der Ansicht überhaupt nicht, es sieht aus wie eine pneumatische Einheit einer Werkzeugmaschine, wenn so ein Gerät heute von einemTechniker mit normalen Funktechnik-Kenntnissen aufgefunden würde- dieser würde wahrscheinlich überhaupt nicht erkennen, daß dies tatsächlich einer der allerersten Audio- Verstärker war !

Eine Membran M arbeitet auf eine Art Kohlemikrophon, über dem "M" dargestellt.
Diese Art Verstärkung ist so selten nicht.
Sie wurde von der englischen Firma Brown mit dem "Crystavox" (1923), (wahrscheinlich) auch von einem Erfinder namens Robert Denk 1948, dem Radiotechniker Wobbe 1948 (es wurde wohl nie ein Exemplar gebaut) , der Fa. Siemens (& Halske mit dem "mechan.Telefonverstärker P.fvb.18401" (laut Radiomuseum.org von 1910- 1940 ?) angewandt.
Auch der Begriff "Telephonrelais" war gebräuchlich.
Hier eine Information, die allerdings erst sehr viel später, ohne Fotos und Jahreszahlen, veröffentlicht wurde- sie beschreibt ein "Zenneck- System", es könnte sich um die VLF- Anlage handeln- in diesem Falle wäre die Reihenfolge:
Primärkreis / Sekundärkreis / 2-stufiger, aperiodischer HF- Verstärker / Detektor / 2-stufiger Niederfrequenzverstärker.
"Detektor" kann dabei ein Kristalldetektor oder auch eine Audionstufe sein, die man damals ebenfalls "Detektor" nannte, in amerikanischen Zeitschriften wurden. die gasgefüllten, später Vakuum- Audionröhren als "Detector Tube" bezeichnet. Beim Nachfolger des hier gezeigten VLF- Komponenten-Empfängers, dem Telefunken "E207", waren Anschlüsse "Detektor-Audion" vorhanden, der Empfänger wurde aber nachweisbar in der Station Tryvann -wahlweise- auch mit Kristalldetektoren und mechanischen Detektoren ("Uhrwerksschleifer") betrieben, die Bezeichnung könnte man also auch "Audion/ Detektor" interpretieren.
Tonlose Telegraphie hätte zum Hören einen einen "Schleifdetektor" (Telefunken "Uhrwerks- Schleifer") oder einen Überlagerer erfordert. Ob und wie in Sayville ein "Schleifdetektor" oder Morseschreiber angeschlossen wurden, ist noch nicht bekannt- es ist aber anzunehmen.
Die "Zenneck- System"- Anlage ist also wahrscheinlich nach der in den oberen Fotos abgebildeten Anlage, die etwa 1913- 15 so aussah, zusammengestellt worden. Die Komponenten- Bauweise machte ja Änderungen problemlos möglich.
Die Station Sayville erreichte einige Rekorde, und des gibt eine einmalige Ton- Aufzeichnung- bitte folgen Sie zur nächsten Seite, unten oder im Menü links
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